Aufgang - 2 Pianos treffen Drums

aufgangif1006 Pianistenwunderkind Francesco Tristano hat mit seinen beiden Solo-Alben auf Infiné – „Not For Piano“ & „Auricle / Bio / On“ - und seinen Aktivitäten mit Carl Craig und Moritz von Oswald bereits für einige echte Geniestreiche gesorgt und dabei fleissig an der allseits diskutierten Verschränkung von Klassik und Club bzw. E und U gearbeitet. Das war nicht nur äusserst erfrischend, sondern hat auch auf ganz natürliche Weise Welten miteinander vereint, die bisher nur schwer miteinander vereinbar schienen.

Gemeinsam mit Rami Khalifé, ebenfalls am Piano, und dem ehemaligen Cassius Drummer Aymeric Westrich wird als Aufgang seit einiger Zeit genau dieser Ansatz konsequent fortgeführt. Doch während Tristano bei seinen Solowerken den Club zwar stets fest im Blick hatte, diesen aber letztendlich immer nur am Rande streifte, werfen sich Aufgang nun mitten rein in die Tanzdiele und tun dies mit dem liebenswürdigen Enthusiasmus eines kleinen Jungen, den der grosse Bruder gerade eben zum ersten Mal mit seiner Modelleisenbahn spielen lässt. Nachdem mich bereits die EP „Sonar“ weggeblasen hatte, setzt das schlicht “Aufgang” betitelte Debütalbum auf Infiné nun nochmal eins drauf, schaffen sie es doch hier, das euphorisierende Moment moderner Clubmusik mit der Virtuosität von Julliard-trainierten Pianisten wie Tristano und Khalifé zu paaren und dabei auf aufregende Weise endlich mal neue Wege auf den Dancefloor aufzuzeigen. Die Wucht mit der Stücke wie „Channel 7“, „Sonar“ oder auch das bleepig vocoderisierte „Good Generation“ die Simplizität von Ravehooks mit virtuosen Pianoimprovisationen kombinieren und den Tracks dabei einen ungeahnten Facettenreichtum verleihen, ist einfach bahnbrechend. Und vor allem schaffen es Tristano, Khalifé und Westrich, Clubmusik aus ihrer zunehmend linearen Eindimensionalität zu befreien und dabei eine derart mitreißende Energie zu entfalten, wie es seit dem Detroittechno-Frühling Anfang der 90’er kaum noch einzelne Platten zu vermitteln vermochten. Da erscheint es rückblickend auch nur mehr als naheliegend, dass Tristanos „Strings of Life“ Coverversion einer seiner ersten veröffentlichten Berührungspunkte mit Clubmusik war.

Bei Aufgang schimmert die Freude an sowohl klassischem Klavierspiel als auch der Abfahrt im Club durch jede Note, und das ist nicht nur wohltuend frisch sondern zuweilen einfach so schön, dass man feuchte Augen bekommt. Und – mal ehrlich – wann konnte man das zuletzt schonmal von einer Platte behaupten? Da bleibt nur zu hoffen, dass man Aufgang hoffentlich auch bald hierzulande live erleben kann, ist ihnen hier doch definitiv eines der wunderbarsten, originellsten und spannendsten Alben der letzten Jahre gelungen.

(aus Groove No. 122 und Scheibenwelt)